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Realismus und Märkte

Wie viel Realismus vertragen die Märkte?

Lieber Leser,

mit den ersten drei Wochen des Jahres konnten die Anleger zufrieden sein. Erst Ende Januar stoppte die Angst um eine unkontrollierte Ausbreitung des Corona-Virus, die Rallye an den Aktienmärkten. Nun darf darüber gerätselt werden, ob die Korrektur nur eine der üblichen Konsolidierungen innerhalb eines intakten, übergeordneten Aufwärtstrends ist, oder vielleicht doch mehr dahinter steckt.

Unbestreitbar ist, dass die Anleger das alte Jahr sehr euphorisch beendet haben und auch der Anfang des neuen Börsenjahrs von einem anhaltend hohen Optimismus gekennzeichnet war. Eine solche Stimmungslage ist an der Börse immer gefährlich. Sie verleitet die Anleger dazu, schlechte Nachrichten zu ignorieren oder sogar positiv zu interpretieren. Genau das ist im zweiten Halbjahr 2019 immer wieder geschehen.

Das wieder reichlich zur Verfügung stehende billige Geld der Notenbanken war neben dem hohen Optimismus der Anleger einer der großen Kurstreiber. Vor zwölf Monaten stellte sich die Ausgangslage spiegelbildlich dar. Damals traten die Notenbanken noch auf die Bremse. Sie kündigten Zinsschritte an, die am Ende nicht durchgeführt wurden, und der Schrecken der Kursverluste aus dem zweiten Halbjahr 2018 steckte den meisten Anlegern noch in den Knochen.

Erst in seiner zweiten Hälfte mutierte das Börsenjahr 2019 von einem guten zu einem überdurchschnittlich guten Börsenjahr. Um weitere 25 Prozent wird der DAX in diesem Jahr kaum zulegen können. Die Anleger sind deshalb gut beraten, sich auf deutlich kleinere oder sogar gar keine Zuwächse einzustellen, auch wenn es in den ersten drei Wochen des Jahres noch ganz anders aussah.

Das System ist ausgesprochen labil

Wenn alle kaufen und die meisten Anleger zusätzlich auch noch die gleichen hoch gewichteten Aktien erwerben, dann ist eine sich selbst tragende Hausse die logische Konsequenz. Aber ist sie auch stabil? Kann man damit rechnen, dass die Kauflaune der Anleger auch dann anhält, wenn der Wind zur Abwechselung mal von vorne kommt?

Die kurze politische Krise mit dem Iran und der Ausbruch des Corona-Virus lassen Zweifel an dieser Einstellung aufkommen. Sie haben allen, die es sehen wollten, die Zerbrechlichkeit der aktuellen Börsenordnung eindrucksvoll vor Augen geführt. Die Stimmung kippte schnell und diese Schnelligkeit erinnerte die älteren Anleger ein wenig an frühere Krisen, die ebenfalls wie aus dem Nichts zu kommen schienen und den Markt schnell aus dem Tritt brachten.

Der in den nächsten Wochen in Schwung kommende US-Vorwahlkampf bietet reichlich Gelegenheit dazu, die Anleger auf dem falschen Fuß zu erwischen. Im Wahlkampf wird in allen Ländern und zu allen Zeiten lauter gestritten als in normalen Zeiten und es kann vor diesem Hintergrund nicht verwundern, wenn die Töne zunehmend schriller und unversöhnlicher werden sollten.

Dann könnten auch vermeintlich erledigte Debatten wie der Handelskrieg oder die Spannungen im Nahen und Mittleren Osten sehr schnell wieder aufs Tablett kommen. Wir sollten in diesem Zusammenhang die Person des amtierenden US-Präsidenten nicht außer Acht lassen. Er pflegt im Wahlkamp wenig zimperlich zu agieren und setzt Schritte, die vor allem ihm selbst einen Vorteil bringen. Die Vorteile für das gesamte Land und die Gemeinschaft kommen, wenn überhaupt, deutlich später.

Ruft man sich jetzt noch in Erinnerung, dass die großen Konflikte des Jahres 2019 alle ihren Ursprung im Weißen Haus hatten, dann wird einmal mehr deutlich, auf welch unsicherem Sand die großen Hoffnungen der Anleger auf ein erfolgreiches Jahr 2020 gebaut sind.

Ihr

Dr. Bernd Heim

Finanztrends Newsletter <newsletter@finanztrends.info>, 06.02.2020

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